Wie sich ein Cent pro Kilowattstunde über ein Jahr summiert
Ein Cent klingt nach nichts. Multipliziert mit dem Jahresverbrauch wird daraus bei Strom ein zweistelliger, bei Gas ein dreistelliger Betrag. Warum die Verbrauchsmenge über die Relevanz entscheidet.
Die einfachste Rechnung im Energievertrag
Der Arbeitspreis wird in Cent je Kilowattstunde angegeben. Der Effekt einer Preisdifferenz über ein Jahr ergibt sich damit aus einer einzigen Multiplikation:
Preisunterschied in Cent × Jahresverbrauch in kWh ÷ 100 = Unterschied in Euro pro Jahr.
Diese Formel erklärt, warum dieselbe Zahl auf zwei Rechnungen völlig verschieden wirkt. Nicht der Cent verändert sich, sondern die Menge, mit der er multipliziert wird.
Strom: der Cent bei 3.500 Kilowattstunden
3.500 kWh entsprechen etwa dem Jahresverbrauch, den die Bundesnetzagentur ihren Strom-Modellrechnungen für einen typischen Haushalt zugrunde legt:
| Unterschied im Arbeitspreis | Effekt pro Jahr | Effekt über drei Jahre |
|---|---|---|
| 1 Cent/kWh | 35 € | 105 € |
| 2 Cent/kWh | 70 € | 210 € |
| 3 Cent/kWh | 105 € | 315 € |
| 4 Cent/kWh | 140 € | 420 € |
| 5 Cent/kWh | 175 € | 525 € |
Die Spalte für drei Jahre ist bewusst als reine Fortschreibung zu lesen. Sie unterstellt, dass beide Preise konstant bleiben — was in einem beweglichen Markt unwahrscheinlich ist. Sie zeigt lediglich, dass ein einmal gewählter Tarif über mehrere Jahre wirkt, wenn er unbeachtet weiterläuft.
Gas: derselbe Cent bei 20.000 Kilowattstunden
Beim Gas rechnet die Bundesnetzagentur mit 20.000 kWh Jahresverbrauch — knapp dem Sechsfachen. Dieselbe Preisdifferenz wiegt entsprechend schwerer:
| Unterschied im Arbeitspreis | Effekt pro Jahr | Entspricht bei Strom |
|---|---|---|
| 0,5 Cent/kWh | 100 € | 2,9 ct/kWh |
| 1,0 Cent/kWh | 200 € | 5,7 ct/kWh |
| 1,5 Cent/kWh | 300 € | 8,6 ct/kWh |
| 2,0 Cent/kWh | 400 € | 11,4 ct/kWh |
Die rechte Spalte übersetzt: Ein halber Cent Unterschied beim Gas entspricht in seiner Jahreswirkung fast drei Cent beim Strom. Genau daraus erklärt sich, warum die Bundesnetzagentur für Januar 2026 beim Gas ein deutlich höheres durchschnittliches Einsparpotenzial modellierte als beim Strom — rund 360 statt rund 95 Euro. Der Grund liegt in der Verbrauchsmenge, nicht in einem besonders gutmütigen Gasmarkt. Ausführlich eingeordnet sind diese Werte im Blatt Was die Zahlen der Bundesnetzagentur für 2026 zeigen.
Warum der Grundpreis genau andersherum wirkt
Der Grundpreis fällt unabhängig vom Verbrauch an. Sein Gewicht sinkt deshalb, je mehr verbraucht wird. In Cent je Kilowattstunde umgerechnet:
| Jahresverbrauch Strom | Grundpreis 144 €/Jahr entspricht |
|---|---|
| 1.200 kWh (Einpersonenhaushalt) | 12,0 ct/kWh |
| 2.500 kWh | 5,8 ct/kWh |
| 3.500 kWh | 4,1 ct/kWh |
| 5.000 kWh | 2,9 ct/kWh |
Für einen kleinen Haushalt kann der Grundpreis damit mehr ausmachen als ein Arbeitspreisvorteil von drei Cent. Für einen grossen Haushalt ist er nachrangig. Das ist der Grund, warum sich pauschale Tarifempfehlungen verbieten: Derselbe Tarif ist je nach Verbrauch der günstigste oder der teuerste in der Liste.
Wo der Kipppunkt zwischen zwei Tarifen liegt
Stehen zwei Tarife zur Wahl — einer mit niedrigem Grundpreis und hohem Arbeitspreis, einer umgekehrt —, gibt es genau einen Verbrauch, bei dem beide gleich viel kosten. Darunter gewinnt der eine, darüber der andere.
Die Formel dahinter ist einfach genug für den Küchentisch: Differenz der Grundpreise geteilt durch die Differenz der Arbeitspreise ergibt den Verbrauch, an dem beide Tarife gleichziehen.
Was diese Rechnungen nicht leisten
Alle Zahlen auf dieser Seite sind Multiplikationen. Sie klammern bewusst aus, was einen realen Tarifvergleich zusätzlich prägt:
- Boni, die das erste Jahr verbilligen und im zweiten entfallen,
- Preisgarantien, die nur einen Teil des Preises absichern,
- Laufzeiten und Kündigungsfristen, die den Wechselzeitpunkt bestimmen,
- Preisanpassungen während des Vertragsjahres.
Sie beantworten deshalb nur eine Teilfrage — allerdings die, mit der jeder Vergleich beginnt.
Warum Prozentangaben in die Irre führen können
Preisveränderungen werden meist in Prozent kommuniziert — „13 Prozent günstiger als im Vorjahr“ klingt eindrücklicher als „1,4 Cent je Kilowattstunde weniger“. Für den eigenen Haushalt ist die zweite Angabe aber die brauchbarere, weil nur sie sich direkt mit dem Verbrauch multiplizieren lässt.
Der Grund liegt in der unterschiedlichen Basis. Zehn Prozent auf einen Strompreis von 35 Cent sind 3,5 Cent; zehn Prozent auf einen Gaspreis von 9,6 Cent sind knapp ein Cent. Bezogen auf den Jahresverbrauch kehrt sich das Verhältnis jedoch um:
| Sparte | Ausgangspreis | 10 % entsprechen | Jahresverbrauch | Effekt pro Jahr |
|---|---|---|---|---|
| Strom | 34,9 ct/kWh | 3,5 ct/kWh | 3.500 kWh | rund 122 € |
| Gas | 9,6 ct/kWh | 1,0 ct/kWh | 20.000 kWh | rund 192 € |
Die grössere Prozentzahl gehört hier zum Strom, der grössere Eurobetrag zum Gas. Wer Angebote vergleicht, sollte Prozentangaben deshalb immer zuerst in Cent je Kilowattstunde zurückrechnen und erst dann mit dem eigenen Verbrauch multiplizieren. Erst diese Zahl ist zwischen zwei Tarifen und zwischen zwei Sparten vergleichbar.
Einordnung
Wer wenig verbraucht, sollte zuerst auf den Grundpreis schauen. Wer viel verbraucht, zuerst auf den Arbeitspreis. Und wer Strom und Gas vergleicht, sollte beide getrennt betrachten — ein guter Stromtarif bedeutet nicht automatisch einen guten Gastarif beim selben Anbieter, und ein Bündelangebot ist nicht automatisch der günstigste Gesamtpreis.
Der praktische Nutzen dieser Rechnungen liegt weniger im exakten Ergebnis als in der Grössenordnung: Sie zeigen, ob sich ein Vergleich um wenige Euro oder um einen dreistelligen Betrag dreht — und damit, wie viel Aufmerksamkeit die Sache verdient.